Andreas Gefellerthe-japan-series

Kunst verändert den Blick auf die Wirklichkeit. Die Sensibilisierung und Erweiterung unserer Wahrnehmung von einer vermeintlich bekannten Realität ist der grundlegende Arbeitsansatz des Düsseldorfer Fotokünstlers Andreas Gefeller. The Japan Series ist nach Supervisions seine jüngste Werkgruppe, die anlässlich des Projektes »European Eyes on Japan« entstand, für das jährlich europäische Fotografen eingeladen werden in dem fernöstlichen Land zu arbeiten.

Ein Schwerpunkt der Serie bilden die Poles, bei der Gefeller Strommasten mit mindestens zwei Einzelaufnahmen lotrecht von unten fotografierte. Mit der anschließenden digitalen Zusammensetzung verschwindet im endgültigen Bild der Mast und die unzähligen Kabel und Transformatoren verwandeln sich in eine autonome, abstrakte Komposition vor monochromen Hintergrund. Fehlende Orientierungs- und Bezugspunkte ermöglichen es, vertraute Zusammenhänge neu zu sehen. So wecken die Poles nicht nur Assoziationen mit U-Bahnplänen und Autobahnkreuzen, sondern stehen mit ihren Verbindungselementen und Leitungen für Netzwerke, Datenfluss und -überfluss. Indem sich eine chaotische Struktur über eine vormals kontrollierte Ordnung legt, können die Poles gelesen werden als Metapher für Informationsflut und Auswucherungen einer modernen Gesellschaft, die außer Kontrolle zu geraten droht.

Andere Aufnahmen zeigen Pflanzen, deren Zweige sich infolge des menschlichen Eingriffs um quadratische Drahtnetze und hölzerne Gitter winden. Formal gleich zu den Poles, werden auch sie – durch den ungewöhnlichen und nur schwer nachvollziehbaren Blickwinkel der Untersicht aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst – zu abstrakten Bildkompositionen.

Gefellers jüngste Fotoarbeiten sind deutlich formaler und struktureller geworden und zeugen von starken malerischen Qualitäten. Korrespondenzen zu zeichnerischen Bildkonzepten, wie etwa Kalligrafien, sind nicht zufällig, sondern werden durch die Wahl der Printtechnik und des Papiers zusätzlich verstärkt. Gefeller hinterfragt mit seinen Fotoarbeiten die Objektivität des Mediums Fotografie und erkundet seine Grenzen. Begriffe wie Wahrheit und Verfremdung kommen auf den Prüfstand und die Beziehung zwischen Natur und Mensch und sein Verlangen, alles einem System unterzuordnen, wird neu beleuchtet.

Mehr denn je, bewegt sich Gefeller mit The Japan Series im Spannungsfeld zwischen Natur und Urbanität, zwischen Realität und Fiktion sowie Ordnung und Chaos.

The Japan Series ist auch als Fotobuch im Hatje Cantz Verlag erhältlich.

Art changes one's view upon reality. To heighten awareness and expand our perception of a supposedly well-known reality is the central aspiration of the works by Düsseldorf-based photographer Andreas Gefeller. The Japan Series is his youngest series following Supervisions and originated on the occasion of the project »European Eyes on Japan«, in which European photographers are invited annually to work in this Far Eastern country.

The series' focus lies on the Poles. Gefeller photographs electricity posts in at least two single upward views from a perpendicular position. In the subsequent digital assemblage the pole disappears and innummerable cables and current transformers are converted into an autonomous and abstract composition that spreads in front of a monochrome background. The absence of points of reference and orientation opens up a new perspective on familiar situations. Thus, the Poles transcend their original context in order to awaken associations of underground railway plans, autoroute intersections or night photographs of a city's pulsating traffic arteries.

Other photographs depict plants, which assume distinct forms owing to human intervention, their branches winding around rectangular wire nets or wooden grates. Formally equal to Poles, they too become dissociated from their immediate situative context by means of a surprising and disorientating view from below to become abstract compositions.

Gefeller's most recent photo works have become increasingly formal and structural, attesting to striking pictorial qualities. Correspondencies to drawing-related concepts such as calligraphy are not merely coincidental, but are supported by the artist's choice of the printing technique and paper. With his works, Gefeller questions the objectivity of the photographic medium and explores its limitations. Terms such as truth and estrangement are being contested and the relationship between nature and human being as well as the latter's desire to subject his surroundings to a system is being reflected in a new light.

More than ever, Gefeller engages in the field of tension between nature and urbanity, reality and fiction as well as order and chaos.

The Japan Series is also available as a photobook by Hatje Cantz Publishers.